JOBST Symposium

Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie, Oberarzt der Universitätsklinik Schleswig-Holstein Kiel

PD Dr. med. Tim Hollstein

20. JOBST Symposium - Wissen, das verbindet!


„Adipositas ist keine Frage der Willensschwäche“

Adipositas betrifft weltweit mehr als eine Milliarde Menschen und wird noch immer fälschlicherweise als persönliches Versagen betrachtet. Der renommierte Stoffwechsel-Experte PD Dr. med. Tim Hollstein, Oberarzt und Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein erklärt im Interview, warum manche Menschen schneller zunehmen als andere, inwiefern der individuelle Stoffwechsel-Typ dabei eine Rolle spielt und welche Zusammenhänge zwischen Lymphödem und Adipositas in Bezug auf den Stoffwechselprozess bestehen. 
 
Herr Dr. Hollstein, Adipositas wird in der Forschung nicht mehr als reiner Mangel an Disziplin, sondern als komplexe Erkrankung angesehen – auch was die Steuerung, Balance und optimale Verteilung von Energievorräten betrifft. Was heißt das genau? 
 
Dr. Tim Hollstein: Adipositas betrifft immer mehr Menschen – hier in Deutschland jeden Vierten, weltweit mehr als eine Milliarde. Es gibt aus den USA Daten aus den 1970er Jahren, die zeigen, dass die Adipositas-Raten auf einmal über alle Gesellschaftsschichten stark angestiegen sind. Die konnten ja nicht alle auf einmal willensschwach geworden sein! Vielmehr ist der starke Anstieg darauf zurückzuführen, dass wir inzwischen in einer Welt mit zu viel von allem leben, vor allem zu viel kaloriendichter Fertignahrung. Ich sage dazu auch „Zuvielisation“. Das Hauptproblem ist, dass wir Menschen für eine andere Umgebung programmiert sind. 
 
Wo lauert die Gefahr? 
 
Dr. Tim Hollstein: Süße Speisen signalisieren dem Gehirn zum Beispiel: „Nicht giftig, Kalorien vorhanden. Nimm‘ sie mit, um dich für die nächste Hungersnot zu wappnen.“ Es gibt aber keine Programmierung im Gehirn, die sagt: „Stopp, genug Kalorien.“ Das hätte uns als Jäger und Sammler auch nicht geschützt. Die Evolution zeigt: Wer in guten Zeiten viel essen und speichern konnte, hat die schlechten Zeiten überlebt. Jetzt gibt es aber immer gute Zeiten, und diese Programmierung ist für unsere heutige Umgebung einfach nicht optimal.  
 
Sie befassen sich in Ihrer Forschung mit dem Thema Stoffwechsel und haben unterschiedliche Stoffwechseltypen entdeckt – den „sparsamen“ und den „verschwenderischen“. Welche Eigenschaften beschreiben diese beiden Typen? 
 
Dr. Tim Hollstein: Menschen mit sparsamem Stoffwechsel können, wenn sie viel essen, möglichst viel davon speichern und verbrennen wenig davon wieder. Wenn sie fasten, gehen sie sehr schnell in den Energiesparmodus, sie schalten ihren Stoffwechsel sehr effizient herunter. Früher war das ein Überlebensvorteil. Heute trägt es zusätzlich dazu bei, dass diese Personen übergewichtig werden. Menschen mit verschwenderischem Stoffwechsel verbrennen hingegen das meiste von dem, was sie zu viel essen, und lagern wenig ein. Früher waren diese vielleicht eher im Nachteil, heute eher im Vorteil. Warum sich diese Gene trotzdem durchgesetzt haben, wissen wir noch nicht genau. Es gibt Hinweise, dass braunes Fettgewebe – das bei Verschwendertypen stärker vorhanden ist – evolutionsbiologisch sinnvoll ist: Menschen in kälteren Umgebungen konnten ihre Körpertemperatur damit besser regulieren und hatten vielleicht auch Vorteile bei Infektionen. 
 
Was ist der Unterschied zwischen weißem und braunem Fett? 
 
Dr. Tim Hollstein: Weißes Fett ist die „Batterie“ unseres Körpers, denn es speichert die Kalorien ab. Braunes Fettgewebe hingegen verbrennt Energie, statt sie zu speichern – es ist quasi die Heizung des Körpers und sitzt vor allem im Schlüsselbein-Hals-Bereich. Je mehr braunes Fett jemand hat, desto gesünder ist tendenziell der Stoffwechsel, desto schlanker ist die Person und desto seltener treten Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf. Beim Menschen handelt es sich streng genommen meist um beiges Fettgewebe, eine Mischform aus braun und weiß. Echtes braunes Fettgewebe haben vor allem Nagetiere und Tiere, die Winterschlaf halten. Das beige Fett kann aber brauner werden, wenn man es regelmäßig, beispielweise durch Kälte aktiviert, oder wieder weißer, wenn man es nicht nutzt.  
 
Verfügt jeder Mensch über braunes Fett? 
 
Dr. Tim Hollstein: Ja, alle haben braunes Fett, aber in sehr unterschiedlichen Mengen. Babys haben mit etwa 4 Prozent ihrer Körpermasse das meiste davon. Bei Erwachsenen sind es nur noch 0,2 bis 0,5 Prozent. Mit dem Alter geht es zurück, ähnlich wie Muskelmasse ab dem 30. Lebensjahr. Je mehr davon in die Erwachsenenzeit „gerettet“ wird, desto besser. In der Forschung unterscheiden wir zwischen BAT-positiv, also sichtbar viel aktives braunes Fett, und BAT-negativ.  
 
Gibt es Zusammenhänge zwischen Lymphödem und Adipositas in Bezug auf den Stoffwechselprozess? Und wenn ja, was bedeutet das für die Behandlung der betroffenen Patientinnen und Patienten? 
 
Dr. Tim Hollstein: Beim Lymphödem kann die Lymphflüssigkeit nicht mehr richtig abtransportiert werden, was zu lokalen Entzündungen im Gewebe führen kann und den Stoffwechsel stört. Das kann sich mit Adipositas gegenseitig verstärken: Das Fettgewebe bei Adipositas sorgt für mehr Lymphflüssigkeit, die wegtransportiert werden muss. Ist der Lymphabfluss gestört, entzündet sich das Fettgewebe, und diese Entzündung stört den Lymphabfluss noch weiter. Das beeinträchtig auch den lokalen Stoffwechsel der Fettzellen. Es entsteht ein Teufelskreis. Die Therapie der Wahl ist die Kompressionstherapie, die von außen die Lymphflüssigkeit wegtransportiert. Ergänzend zur Kompressionstherapie ist regelmäßige Bewegung und insbesondere Krafttraining der Beine sinnvoll, denn die Muskelpumpe unterstützt den Lymphtransport aktiv. 
 
Kommen wir zurück zum Stoffwechsel. Wie findet man heraus, ob man ein verschwenderischer oder ein sparsamer Stoffwechseltyp ist? 
 
Dr. Tim Hollstein: In den USA, wo ich geforscht habe, haben wir Menschen in sogenannte Stoffwechselkammern gesetzt – kleine Räume, so groß wie ein kleines Hotelzimmer, mit Bett und Toilette, hermetisch abgeriegelt. Über die Ein- und Ausatemluft konnten wir messen, wie viel Energie die Probanden verbrauchen. Das ist der Goldstandard, die genaueste Methode. Das Problem ist, dass das sehr teuer und aufwendig ist. Ich habe diese Messung inzwischen vereinfacht: Die Testpersonen bekommen eine spezielle Mahlzeit, und danach messen wir nur noch drei Stunden lang den Energieverbrauch statt 24 Stunden. Wer nach dem Mahlzeitentest seinen Energieverbrauch deutlich steigert, hat einen verschwenderischen Stoffwechseltyp. Wer das nicht tut, einen sparsamen. Diese Methode kann auch den Diäterfolg bei Adipositas-Patienten vorhersagen, derzeit wird unsere aktuelle Studie dazu von Fachjournalen begutachtet. Noch einfacher wäre ein Blutmarker: Mahlzeit essen, ein bis zwei Stunden später einen Blutwert messen, fertig. Daran forsche ich aktuell.  
 
Ist die Gleichung also: sparsamer Stoffwechseltyp gleich dick? 
 
Dr. Tim Hollstein: Nein, so einfach ist das nicht. Adipositas hat zwar ein höheres Risiko bei sparsamem Stoffwechseltypen, aber man muss nicht zwingend an Adipositas leiden. Auch eine schlanke Person kann diesen Typ haben, verbunden mit einem erhöhten Risiko für Gewichtszunahme. Und es gibt Menschen mit Adipositas, die einen verschwenderischen Stoffwechseltyp haben. Für die ist es dann einfacher, Gewicht zu verlieren. Der Stoffwechseltyp erklärt nicht die Adipositas-Pandemie, er kann aber ein Baustein in der Erklärung und vor allem in der Diagnose sein. 
 
Kann ich aktiv etwas an meinem Stoffwechseltyp ändern? 
 
Dr. Tim Hollstein: Das vermute ich, ja. Wissenschaftlich bewiesen ist es noch nicht. Man kann braunes Fett trainieren, vor allem durch Kältereize. Die einfachste Möglichkeit ist eine kalte Dusche oder die Heizung im Winter nicht so hoch aufzudrehen. Eisbaden ist nicht nötig, Kältereize im Alltag reichen. Andere Möglichkeiten, das braune Fett zu aktivieren, sind bestimmte Lebensmittel wie Chili, Ingwer oder grüner Tee – aber mit sehr kleinen Effekten, daher sind sie eher als Kombination sinnvoll.  
 
Welche konkreten Maßnahmen empfehlen Sie, um den Stoffwechsel anzukurbeln? 
 
Dr. Tim Hollstein: Die Hauptmahlzeit morgens zu essen statt abends ist für den Stoffwechsel sehr günstig. Idealerweise Frühstück und Mittagessen – und abends nichts mehr oder nur etwas Leichtes wie einen kleinen Salat. Dann empfehle ich proteinreiche Ernährung. Ich esse selbst sehr gerne Magerquark mit Früchten und Erythrit als Zuckeraustauschstoff. Außerdem ballaststoffreiche Kost: Ballaststoffe erhöhen die Verdauungsenergie, werden nicht komplett aufgenommen und ernähren das Mikrobiom. Leinsamen und Chiasamen im Quark funktionieren gut. Auch resistente Stärke ist interessant: Nudeln einmal kochen und abkühlen lassen, dann wandeln sich die Stärkemoleküle teilweise in Ballaststoffe um, die schwerer zu verdauen sind. Man muss die Nudeln aber nicht kalt essen. Die resistente Stärke bleibt auch beim Wieder-Aufwärmen erhalten. Insgesamt gilt: Den Körper wieder mehr reizen, raus aus der Komfortzone. Kälte, Wärme, Bewegung, Fasten. In dosiertem Maße schadet das nicht, sondern macht uns gesünder. Ich lebe das selbst so und fühle mich dabei wohl. 
 
In Ihrem Buch „Das Kuchen-Paradox: Warum manche alles essen können und trotzdem schlank bleiben – und andere nicht“ erklären Sie, wie der Stoffwechsel beim Abnehmen hilft. Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben? 
 
Dr. Tim Hollstein: Für alle Menschen, die mit Adipositas leben und Gewicht verlieren wollen. Ich erkläre, wie unser Stoffwechsel funktioniert und wie Hunger und Sättigung im Gehirn reguliert werden, wie Adipositas entstanden ist und was man selbst neben einer klassischen Ernährungstherapie tun kann, um diesen anzukurbeln. Außerdem erhält das Buch einen Selbsttest zur Bestimmung des Stoffwechseltypen, der aber nicht wissenschaftlich validiert ist, sondern auf meiner Erfahrung basiert. Ich habe das Buch aber auch für Ärztinnen und Ärzte geschrieben. Viele wissen selbst nicht, dass Adipositas kein Willensschwäche-Problem ist, sondern dass Menschen mit unterschiedlichen Startbedingungen auf die Welt kommen. Mir geht es vor allem um Aufklärung und darum, dass sich die Menschen verstanden fühlen. Adipositas ist nicht ihre Schuld – aber das befreit sie nicht von der Verantwortung, aktiv etwas zu tun. Auch bei Bluthochdruck muss man diszipliniert Tabletten nehmen. Genauso können Menschen mit Adipositas ihren Teil leisten, und dazu möchte ich sie motivieren, besonders von der Stoffwechselseite her. 

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