Die Begeisterung für wissenschaftliche Inhalte und praktischen Erfahrungsaustausch war im Steigenberger Parkhotel in Braunschweig ‚hautnah‘ erlebbar: Das Jubiläumssymposium von JOBST widmete sich am 27. und 28. März in fachlicher Breite und inhaltlicher Tiefe den Chancen und Fortschritten der sich kontinuierlich weiterentwickelnden medizinischen Kompressionstherapie. Bereits zum 20. Mal fanden Fachkräfte aus Sanitätshäusern und angewandter Versorgung mit Expert*innen aus Wissenschaft und Medizin zusammen. „Wissen, das verbindet“ – dieses Motto zog sich durch alle Fachvorträge, Diskussionen und Workshops.
Malte Schmidt, National Sales Manager bei Essity für JOBST, begrüßte die Fachbesucher*innen mit den Worten, es sei für das Team JOBST und ihn selbst eine „goldene Veranstaltung“. Er spann den Bogen von der Erfindung des Kompressionsstrumpfes durch Conrad Jobst im Jahr 1950 über die posthume Würdigung der unternehmerischen Leistungen seiner Frau Caroline Jobst bis in die heutige Zeit und machte deutlich: „Wir stehen hier, weil Caroline Jobst das Unternehmen vorangetragen und Barrieren erfolgreich überwunden hat.“ Ein Statement der Stärke, das sich auch in der Vorstellung einer Patientin wiederfand, die 2026 als JOBST Kämpfernatur eine starke Botschaft transportiert, um Betroffenen mit einem Lymphödem Mut zu machen.
Ganzheitliche Ansätze in der Lymphologie
Die inhaltlichen Schwerpunkte legten die renommierten Mediziner*innen aus der Földiklinik, dem Europäischen Zentrum für Lymphologie, mit dem JOBST bereits seit vielen Jahren eng zusammenarbeitet. Den Auftakt setzte Dr. med. Tobias Bertsch, Facharzt für Innere Medizin, Chefarzt und ärztlicher Direktor der Földiklinik. Unter dem Titel „Doppelte Last: Adipositas und Lymphödeme verstehen und versorgen“ machte er deutlich, wie ernst die Lage ist: Seit 2012 sei die Sterblichkeit an Adipositas größer als die an Hunger. Auch in der Földiklinik nehme die Zahl der betroffenen Patientinnen deutlich zu. „Fettzellen sind der Feind der Lymphgefäße“, so Dr. Bertsch.
Anhand von Praxisbeispielen zeigte er, wie komplex die Behandlung wird, wenn Adipositas Ursache des Lymphödems ist. Entscheidend sei ein ganzheitlicher Blick auf den Menschen und nicht nur auf einzelne Symptome. In der Földiklinik ist die individuelle Patient*innenberatung ein fester Bestandteil der Therapie und wird durch psychologisch unterstützende sowie alltagsnahe Maßnahmen ergänzt, etwa durch praktische Anleitung in einer Lehrküche.
Die sogenannte Abnehmspritze sei zwar ein „Gamechanger“, sie komme jedoch nur für wenige Patient*innen infrage. Oft seien operative Eingriffe wie ein Schlauchmagen oder Magenbypass notwendig, um langfristig Gewicht zu reduzieren. Ohne diese Maßnahmen sei das Risiko hoch: 60% der von Adipositas betroffene Person erreicht nicht das 70. Lebensjahr. Gleichzeitig sei das Operationsrisiko vergleichsweise gering. In der Diskussion wurde zudem deutlich, wie wichtig es ist, Essstörungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
Multimorbidität in der Kompressionspraxis
Neben Adipositas können noch weitere Erkrankungen die Versorgung beeinflussen. Häufig kommen mehrere, teils schwerwiegende und lebensverkürzende Krankheitsbilder zusammen. Dr. Dr. Claudia Seger, Fachärztin für Innere Medizin, Angiologie und leitende Oberärztin der Földiklinik, schilderte, wie komplex die Behandlung in solchen Fällen wird – etwa wenn Diabetes oder eine Herzinsuffizienz parallel bestehen.
Entlang realer Patient*innensituationen zeigte sie, dass die medizinische Kompressionstherapie oft weiterhin ein zentraler Bestandteil der Behandlung sein kann, jedoch individuell angepasst werden muss. Entscheidend seien eine genaue Diagnostik, die Berücksichtigung aller Begleiterkrankungen und ein schrittweises Vorgehen.
Auch bei vielschichtigen oder seltenen Krankheitsbildern gelte: Kompression ist in den meisten Fällen möglich – vorausgesetzt, sie wird differenziert eingesetzt.